Gastbeitrag: Das Thayatal – ein Ort für Seelenwanderer

Nachfolgend ein Gastbeitrag über das Thayatal von Herrn Christian Übl , Geschäftsführer des Nationalparks Thayatal. Ich bedanke mich recht herzlich für diesen ausführlichen Beitrag, der auch die historische Entwicklung beleuchtet und für die tollen Fotos. Viel Spaß und Freude beim Lesen.

 

Das Thayatal – ein Ort für Seelenwanderer

Kommen Besucher in die kleinste Stadt Österreichs nach Hardegg, so tauchen sie ein in eine Welt, die klein und überschaubar ist. Hier gehen die Uhren anders. In der einzigen Greißlerei am Hauptplatz wird man freundlich bedient, auch für eine kleine Tratscherei bleibt genug Zeit. Hektik und Stress fehlen hier.

Vor dem Krieg war Hardegg ein beliebter Sommerfrischeort mit zahlreichen Gästen. Die Besucher verbrachten ihre Zeit mit ausgedehnten Wanderungen oder nutzten das Flussbad für angenehme Sonnen- und Sandbäder. Zahlreiche Ruderboote, zwei Tennisplätze und die Möglichkeit zur Fischerei standen den sportlustigen Sommergästen zur Verfügung.

Den Besuchern gefiel diese angenehme Art des Lebens und sie verbrachten nicht nur ein paar Tage hier, sondern blieben gleich den ganzen Sommer über. In der kleinen Stadt standen 500 Betten bereit, um allen Gästen Platz zu geben. Für diese Art des Nebenerwerbs räumten die Hardegger Bewohner ihr Schlafzimmer und zogen auf den Dachboden. Dank der vielen Gäste war für ein gesundes Wirtschaftsleben gesorgt. 3 Gasthäuser, 1 Konditorei, 3 Kaufleute, 2 Fleischhauer und Selcher, 2 Bäckereien, 3 Pensionen und zahlreiche Händler mit bäuerlichen Produkten sorgten für das Wohlergehen der Gäste.

Hardegg von Burg_0001
Blick von der Burg auf „Johannes“

Die Zäsur kam im Jahr 1936. Am Oberlauf der Thaya im tschechischen Frain wurde ein Schwellkraftwerk errichtet, welches das fröhliche Treiben an der Thaya sehr rasch beendete. Das Tiefenwasser aus dem Kraftwerk senkte die Sommer-Wassertemperatur in der Thaya von etwa 23 °C auf 12 °C. Den Sommerfrischlern war diese Badetemperatur doch etwas zu frisch, sie verbrachten ihren Urlaub anderswo.

Die Errichtung des Eisernen Vorhanges verschärfte diese Situation noch. Die nächsten 45 Jahre waren durch die Lage an einer Toten Grenze gekennzeichnet. Natürlich kamen auch weiterhin Besucher nach Hardegg. Sie kamen entweder zum Fischen, zum Spazierengehen oder um die Burg zu besichtigen. Allerdings blieben sie nicht einen Sommer lang, sondern verließen den Ausflugsort bereits nach wenigen Stunden. Viele der Hardegger zogen nach Wien und kamen als Wochend-Wiener wieder zurück. Heute wohnen in der kleinsten Stadt Österreichs nur noch ca. 84 Einwohner.

Burg Morgenlicht_kl
Burg Hardegg

Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges wurde die Verträumtheit der Gemeinde durch heftige Diskussionen gestört. Das seit 1988 bestehende Naturschutzgebiet sollte erweitert und in einen Nationalpark umgewandelt werden. Motor dieser Bewegung waren die Bürgerinitiative zur Erhaltung des Thayatals und die Stadtgemeinde Hardegg, die hier Entwicklungsmöglichkeiten für die Grenzlandgemeinde sah.

Nachdem die Tschechen bereits 1991 den Nationalpark beschlossen hatten, wurde in Österreich noch lange Zeit über Entschädigungen diskutiert und auch prozessiert. Erst im Oktober 1997 konnte in Hardegg zwischen Bund und Land ein sogenannter 15a-Vertrag über die Finanzierung des Nationalparks geschlossen werden, womit die wichtigste Grundlage für die Realisierung des Vorhabens geschaffen war.

Ein Schatz blieb den Bewohnern von Hardegg sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten erhalten: die Naturschönheit des Thayatals.

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Bei naturbegeisterten Menschen gilt das Thayatal als Geheimtipp. Wer dem Lauf der Thaya von Hardegg nach Merkersdorf bereits gefolgt ist, weiß warum das so ist. Die naturnahen Wälder überraschen durch seltene Pflanzen und rätselhafte Pilze. Bereits deren Erscheinung ist so faszinierend, dass die Namen dieser seltenen Arten belanglos erscheinen. An manchen Stellen wehrt sich die Natur gegen die Eingriffe des Menschen und holt sich die einstmals angelegten Wege wieder zurück. Dichter Jungwuchs säumt den Pfad und auch tote Bäumen können den unvorsichtigen Wanderer zum Stolpern bringen. Manche schmale Wegabschnitte verschwinden im Herbst unter einer mächtigen Laubschicht.

Doch dies alles trägt zu dem Erlebnis „Thayatal“ bei. Genauso wie die Wanderung über die bunten Wiesen mit den zahlreichen Schmetterlingen und den vielen Heuschrecken. Besonders attraktiv ist auch jener Abschnitt, in dem der Weg direkt neben der Thaya verläuft. Es ist ein ruhiges und fast schon meditatives Erlebnis, dem Fluss auf seinen Weg durch die Landschaft zu folgen. Die Krönung der Wanderung ist der sogenannte Umlaufberg. Hier wird ein Berg fast zur Gänze von der Thaya umflossen. Nur ein 150 Meter breites Schmalstück aus besonders harten Gestein verhindert den Durchbruch der Thaya. Erklimmt der Wanderer die Höhen dieses Umlaufberges, hat er nun gänzlich die Orientierung verloren. Eine Zuordnung der Landschaft nach Österreich und Tschechien fällt schwer, auch die Fließrichtung der Thaya kann nur mit einem Blick auf die Karte bestimmt werden.

Stadt Hardegg_kl_BR_Ch.Übl

Man kann das Gefühl nur schwer mit Worten beschreiben, wenn man auf einen dieser hohen Felsen steht und in das Thayatal hinab blickt. Es ist ein Gefühl der Einsamkeit und der Verbundenheit mit der Landschaft um sich herum. Wenn man in solchen Momenten noch den Schwarzstorch zu Gesicht bekommt, wie er majestätisch über der Thaya seine Runden zieht, dann vergisst man das Denken und fühlt sich eins mit der Natur.

Für sein ganz persönliches Erlebnis muss man sich jedoch genügend Zeit nehmen. Nur so kann man begreifen, was ein guter Kenner des Thayatals einmal gemeint hat: Das Thayatal – ein Ort für Seelenwanderer.

 

Hast Du den  Nationalpark Thayatal schon einmal besucht? Schreibe mir dazu in den Kommentaren…

Bleib relaxed und gesund!

Bildrechte: Ch. Übl

2 Kommentare zu „Gastbeitrag: Das Thayatal – ein Ort für Seelenwanderer

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